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Auf der Flucht

Die Flüchtlingskrise fordert Staat, Gesellschaft und Kirchen mit ganzer Kraft heraus. Auch die katholische Kirche in Deutschland engagiert sich umfangreich in der Flüchtlingsarbeit. Weitere Informationen dazu auf der Themenseite "Auf der Flucht" in Katholisch.de weiter lesen hier

Wenn wir an den Flüchtlingen vorbeilaufen, laufen wir an Jesus und seiner Botschaft vorbei und haben aufgehört Christen zu sein.“

Burkhard Hose ist Hochschulpfarrer, Leiter der KHG in Würzburg und Diplom-Theologe. Seit vielen Jahren setzt er sich vehement für Flüchtlinge ein. 2014 wurde er für sein Engagement mit dem Friedensnobelpreis der Stadt Würzburg ausgezeichnet. Heute ist er Sprecher des Würzburger Flüchtlingsrates. Im Interview verrät er, warum es klug ist, sein Leben mit Flüchtlingen zu teilen, welche Rolle christliche Solidarität dabei spielt und was es mit der Charityhaltung auf sich hat.

Knapp 10 000 Menschen sterben zwischen 2016 und 2018 auf ihrer Flucht nach Europa oder sind vermisst. Zu diesem Ergebnis kommt die IOM (International Organization for Migration). Gleichzeitig werden Hilfsorganisationen, die Flüchtlinge aus Seenot retten von der Politik kritisiert, bei ihrer Arbeit behindert oder angeklagt. Widerspricht das der christlichen Grundhaltung?

Burkhard Hose: In jedem Menschen, der bedürftig ist, begegnet uns Jesus selbst. Betrachtet man es von der christlichen Botschaft her, dann geht es jedes Mal um eine ganz grundsätzliche Entscheidung, wenn ich einem konkreten Geflüchteten gegenübertrete, der benachteiligt ist, der auf Hilfe angewiesen ist, der in Lebensgefahr ist. Sehe ich in ihm Jesus und helfe ihm? Oder verweigere ich diese Hilfe und verleugne damit eine christliche Grundhaltung, die hier gefordert ist.

Dabei sind im Christentum „Solidarität“ oder „Nächstenliebe“ besonders wichtig.

Ja, unser Vorbild sollte die Solidarität sein, die wir bei Jesus finden. Denn wir haben es in unserer Religion mit einem Jesus von Nazareth zu tun. Seine Solidarität ging so weit, dass er bis ans Kreuz gegangen ist.

Bedeutet Solidarität auch, das eigene Leben, den eigenen Alltag mit Flüchtlingen zu teilen?

Ja, es ist unsere Aufgabe unser eigenes Leben zu teilen. Die Haltung des Teilens ist ein Ausdruck der Nächstenliebe, die wir als Christen in einer besonderen Weise leben. Ohne die Bereitschaft zum Teilen gibt es kein Christsein. Es hat etwas mit dem Begriff „Mission“ zu tun.

„Mission“ bedeutet doch den Glauben zu verbreiten?

Für mich bedeutet der christliche Missionsbegriff, dass ich als Christ nicht bei mir selber bleibe, sondern über mich hinausgehe. Das heißt, dass ich immer andere Menschen in den Blick nehme.

Das ist 2015 sehr gut gelungen, als so viele Flüchtlinge wie nie zuvor nach Deutschland kamen. Durch das Land ging eine Welle der Hilfsbereitschaft. Heute ist diese Welle versiegt. Stattdessen tobt eine erbitterte Debatte über Flüchtlinge, Obergrenzen und Abschiebezentren.

Ja, gerade erleben wir, dass politisch-gesellschaftlich Neiddebatten angefeuert werden und dass auf dem Rücken der Geflüchteten Politik gemacht wird, teilweise unter dem Zeichen des Kreuzes. Es wird so getan, als ob uns Flüchtlinge etwas wegnehmen würden. So ist es aber nicht! Flüchtlinge nehmen uns nichts weg.

Trotzdem werden in der Bevölkerung immer mehr Stimmen laut, die sich gegen Flüchtlinge richten. Fast der Hälfte der deutschen Bevölkerung macht die aktuelle Flüchtlingssituation „große Sorgen“. Das hat eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach ergeben, die von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Auftrag gegeben wurde. Vielleicht haben die Menschen Angst zu viel zu geben.

Ja, aber die Angst habe ich nur, wenn ich nicht den konkreten Menschen sehe. Unsere gesellschaftliche Diskussion leidet daran, dass sie oft gesichtslos und beziehungslos geführt wird. Leute reden über Geflüchtete, die, wenn man sie fragt, keinen persönlichen Kontakt zu ihnen haben.

Woran liegt das?

Das ist etwas, was, glaube ich, im Moment politisch bewusst verhindert wird. Man verhindert Beziehung, indem Menschen zum Beispiel in zentralen Lagern, ohne Kontakt zur Bevölkerung untergebracht werden. Oder die Menschen werden direkt  an den Grenzen abgehalten zu uns zu kommen und man versucht sie mit ihren Bedürfnissen unsichtbar zu machen. Dem müssen wir uns entgegensetzen.

Kann es sich unsere Gesellschaft überhaupt leisten mit anderen zu teilen? Erträgt sie das? Allein 2018 flohen bis zum Juli 71.459 Menschen nach Europa.

Wem fehlt denn schon etwas? Wenn ich manchmal bei Veranstaltungen bin und frage: Wer muss seit 2015, seitdem so viele Geflüchtete zu uns gekommen sind, auf etwas verzichten? Ich habe noch niemanden gefunden, der mir darauf eine Antwort geben konnte.

Aber, die Flüchtlinge profitieren von dem Lebensstandard, den wir uns hart erarbeitet und verdient haben.

Nein, wir haben uns das alles nicht verdient, sondern wir profitieren von Privilegien, die wir unverdient haben.

Wieso unverdient?

Momentan werden die Privilegien auf der Nordhalbkugel verteilt und die Südhalbkugel ist benachteiligt. Die Güter sind ungerecht verteilt. Wir leben hier auf Kosten anderer, entfachen Kriege oder halten sie mit Hilfe von Waffenexporten wach. Wenn wir das tun, müssen wir davon ausgehen, dass die Menschen, die davon betroffen sind zu uns kommen, dass sie uns hinterherlaufen und dass die Ordnung in der Welt infrage gestellt wird. Das heißt, die Zeit, in der wir auf unseren Privilegien sitzen, die ist, glaube ich, vorbei.

Das heißt, es braucht Konsequenzen in unserem Lebensstil. Vielleicht sollten die Menschen Geld spenden?

Nein, wir müssen ein Stück Abschied nehmen, von einer reinen Charityhaltung.

Charityhaltung?

(lacht) Ja, ich nenne das Charityhaltung. Es gibt Kreise von reichen Leuten. Die rufen hier bei mir an und fragen: „Können Sie mir Flüchtlinge organisieren? Wir wollen eine Veranstaltung machen und da kommt viel Geld zusammen.“ Ich kritisiere daran immer wieder, dass es eine Haltung ist, bei der die Menschen nur von ihrem Überfluss geben. Und dabei fühlen sie sich auch noch gut. Aber ansonsten verändern sie nichts in ihrem Leben, nichts in ihrer Einstellung oder in ihrer Perspektive.

Es gibt auch jetzt schon Menschen, die ihr Leben, ihre Einstellung verändert haben, die teilen, die empathisch sind, aber sie hören oft, sie seien naive Gutmenschen.

Das wird oft suggeriert oder unterstellt. Ich glaube, dass Empathie und die Bereitschaft zu teilen etwas sehr Kluges ist.

In wie fern?

Es ist nachhaltig, weil die Menschen, die teilen darauf setzen, dass wir die Güter, die es auf der Erde gibt, tatsächlich gerechter teilen. Sie haben begriffen, dass sich unser Leben verändern muss, damit andere Menschen leben können. Und, dass es auch etwas mit unserem Lebensstil zu tun hat, wenn Menschen flüchten.

Wie gelingt ihnen das gute Teilen?

Wir müssen Gesichter zeigen, Geschichten erzählen, Beziehungen und Kontakte knüpfen, Begegnungen ermöglichen. Wir müssen uns anrühren und berühren lassen, dann wird das Teilen gelingen.

Auch die Integration?

Ja, Integration gelingt nur durch Beziehung. Ich glaube, dass Beziehung, das A und O ist. In der Beziehung passiert Anteilnahme. Menschen entwickeln Empathie. Das ist ein ganz wichtiger Antrieb, um letztlich teilen zu wollen. Und, wenn man einen Menschen kennenlernt, der weniger hat, dann ist der nächste Schritt, nämlich die Bereitschaft zu teilen, nicht mehr groß. Weil man gerne mit jemandem teilt, den man mag.

Welche konkreten Möglichkeiten gibt es in der Praxis, Beziehungen zu Flüchtlingen aufzubauen?

Es gibt ungeheuer viele Initiativen an vielen Orten. Schauen Sie einfach mal vorbei und suchen Sie die Begegnung.

Begegnungen suchen: Das haben Sie auch getan und von Herbst 2015 bis Frühjahr 2016 zwei syrische Geflüchtete bei sich aufgenommen. Was haben Sie erlebt?

Ich habe erlebt, dass Teilen nicht weh tut. Man kann viel mehr teilen, als man sich selbst vielleicht zutraut.

Im Gegenzug haben die Flüchtlinge auch mit Ihnen geteilt.

Und ich war beschämt von ihrer Bereitschaft zu teilen. Sie teilen nicht nur ihr Leben, sondern auch materiell. Es gab Augenblicke in den letzten drei Jahren, da bin ich so materiell beschenkt worden, dass ich mich geschämt habe. Da können wir wirklich so viel lernen.

Die Europäer können von den Flüchtlingen lernen?

Ich habe unglaublich viel in den Monaten gelernt, in denen die beiden Geflüchteten bei mir gewohnt haben. Ein Beispiel: Manchmal habe ich die Flüchtlinge gefragt: „Was fällt euch am Schwersten in Deutschland?“ Und die Antwort war: „Wie ihr mit alten Menschen umgeht. Das ist für uns echt schwer.“ Dass es bei euch oft wenig Wertschätzung für Menschen im Alter gibt. Dass alte Menschen nicht mitgetragen werden. Dass sie ins Altenheim kommen. Das heißt: Wir haben im Teilen neu über Werte gesprochen, die uns bestimmen.

Was hat das mit Ihnen gemacht?

Es hat für mich die Perspektive verändert und meinen Blick auf alte Menschen in meiner eigenen Familie. Es hat viele Gespräche ausgelöst, darüber, wie unsere Gesellschaft mit alten Menschen umgeht. Darum liegt im Teilen ein großer Reichtum.

Warum Reichtum? Sind Reichtum und Teilen nicht Gegensätze?

Ich habe mein eigenes Leben und die Art, wie wir hier leben angeguckt und infrage gestellt. Und das war ein Gewinn. Von sich selber wegzugehen, ist immer ein Gewinn.

Was würde passieren, wenn wir nicht von uns selbst weggehen? Wenn wir den Flüchtlingen nicht helfen? Wenn wir an ihnen vorbeilaufen und die aktuelle Flüchtlingskrise ignorieren?

Es wäre empathielos und es wäre unklug, weil wir von den Menschen eingeholt werden, die sich irgendwann das holen, was ihnen zusteht. Es gibt kein Davonlaufen.

Auch nicht von uns Christen.

Nein, für uns als Christen würde es bedeuten, dass wir damit unsere Glaubwürdigkeit einbüßen. Wenn wir an den Flüchtlingen vorbeilaufen, dann laufen wir an Jesus und seiner Botschaft vorbei. Und damit würden wir an unserem Christsein vorbeilaufen und hätten aufgehört, Christen zu sein.

Ronja Goj in Pfarrbriefservice.de

Hilfe in Lebensgefahr ist Pflicht – auch für Flüchtlinge!

Bereits seit mehreren Jahren fliehen afrikanische Migranten nach Europa. Dabei begeben sie sich auf dem Mittelmeer in Lebensgefahr. Thomas Winkel erinnert daran, dass auch Flüchtlinge ein Recht auf Hilfe in Not haben.

Hilfe für Menschen in Lebensgefahr ist Pflicht, ohne Wenn und Aber. Das gilt auch, wenn jemand sich oder andere fahrlässig (oder sogar bewusst) in eine Notlage gebracht hat: also trotz Lawinenwarnung im Tiefschnee, mit Flipflops auf der Gipfeltour, sprungbereit auf der Brücke. Und auch wer im überfüllten, seeuntauglichen Plastikboot in Seenot kommt, hat ein Recht auf Not-Hilfe. Schlimm, dass das nicht mehr überall selbstverständlich zu sein scheint – in einer Woche wie dieser mit neuen toten Migranten im Mittelmeer.

So weit, so schlecht. Notrettung ist ähnlich wie Erste Hilfe nur der erste Schritt. Das sagt schon der Name. Wenn sich nicht eine ewige Wiederkehr des Gleichen abspielen soll, müssen weitere Schritte folgen: Versorgung und Vorbeugung, Information und Aufklärung. Dazu können auch konkrete Maßnahmen zählen, etwa damit man eben nicht mehr ohne Weiteres auf ein Brückengeländer klettern kann. Und beim Thema Seenotrettung zählt dazu auch, skrupellosen Schleusern ihr lukratives Handwerk zu legen.

In politischen Statements taucht diese Forderung fast regelmäßig auf. Geschehen aber ist in den Transitländern, die keineswegs alle lupenreine Demokratien sind, bisher nicht viel. Und mancher Seenotretter wäre noch glaubwürdiger, wenn er auch die Rolle der Schlepper hinterfragte – ganz unabhängig von der Frage, ob die bereitstehenden Helfer auf dem Meer einen letzten Anreiz bieten für waghalsige Überfahrten. Zur Sicherheit an dieser Stelle nochmal: Hilfe in Lebensgefahr ist Pflicht.

Doch die beiden Themen Notrettung und Schleuserbanden, die hierzulande meist im Fokus stehen, ergeben noch nicht das ganze Bild. Das Drama beginnt früher. Daher gehört die Lage der Flüchtlinge in ihren Herkunftsländern stärker in den Blick – eigentlich der zentrale Punkt: Warum gehen die Menschen dort weg? Sie fliehen vor Krieg, Verfolgung, Armut. Weil sie kaum etwas (zu verlieren) haben und sie in der Heimat keine Zukunft sehen.

Deshalb muss dort der Hebel ansetzen: wirklich fairer Handel (nicht nur etwas Kaffee oder Tee), gute Ausbildung für alle, nachhaltige Entwicklung vor Ort statt Raubbau für den Export – um nur ein paar Stichworte zu nennen. Viele Entwicklungs-Experten haben da übrigens ziemlich fundierte Konzepte, allen voran die kirchlichen Hilfswerke. Jetzt sollten sie erneut auf die Tagesordnung. Zwar ist nach der gestrigen Entscheidung der DFB-Ethiker eine Verbandsklage gegen Schalke-Chef Tönnies wegen seiner dumm-dreisten Afrikasprüche vom Tisch. Aber die wirklichen Probleme warten weiter auf Lösungen – und viele Menschen erst recht.

Von Thomas Winkel in Katholisch.de